Lesung zu zwei Lebensgeschichten im Museum HAARUNDKAMM

(06.04.2008) Spannende Einblicke in die Mümliswiler Kammmacher-Dynastie gewährte eine Lesung im Museum HAARUNDKAMM: Urs Joseph Walter und sein Urenkel Otto Walter-Obrecht legten der Nachwelt schriftlich Zeugnis ihres Wirkens ab.

Abwechselnd zitierten und verglichen Museumskuratorin Chrige Fankhauser und Lokalhistoriker Josef C. Haefely am Sonntagmorgen des 6. April die beiden Lebensaufzeichnungen, unterstützt durch barocke Intermezzi und Improvisationen auf dem Spinett, sowie alten Fotografien und Karten. Die dritte Lesereihe zur Familie Walter zog rund 20 Interessierte an. Die Selbstzeugnisse des ersten Kammmachers Urs Joseph Walter (1759-1829) mit dem fast amtlichen Titel 'Läbens-Geschicht von Durs Joseph Walther, Ursen seligen Sohn, von Mümliswil, Kanton Solothurn in der Schweiz' sind dabei besonders erwähnenswert, da er schon von früh auf zum Lebensunterhalt der Eltern mit Betteln, 'Strumpflismen' und Kühehüten beitragen musste. Das Lesen und Schreiben hatte er sich bis "morgens 2 oder 3 Uhr" nach dem harten Arbeitsalltag selbst beigebracht - bis seine Mutter ihn mit Rutenschlägen und den Worten "Du verbrauchst mehr Oel als Du wert bist" ins Bett verwies. Auch sein Urenkel Otto Walter-Obrecht (1856-1941), der die bereits ausgebaute Kammfabrik ausgangs Dorf um 1887 vom Enkel des ersten Kammmachers übernommen hat, musste bereits ab 15 Jahren in der vom Vater 1870 neu gegründete Kammfabrik in Selzach mithelfen. Schliesslich fanden in beiden gegen Ende des Lebens aufgeschriebenen Erinnerungen die Lehr- und Wanderjahre Platz - bei Urs Joseph Walter noch ausschliesslich in der Schweiz, während es Otto bereits in benachbarte Ausland verschlug. Und natürlich fehlten Schicksalsschläge nicht: So schildert Urs Joseph ausführlich den Verlust seines Lieblingssohnes Eduard. Otto dagegen verwies bei der Explosionskatastrophe mit 32 Toten vom 30. September 1915 auf eine bald darauf publizierte Broschüre (erhältlich im Museum-Shop). Erwähnung fanden auch Heirat, Baupläne, Familie oder der Geschäftsgang. Zum Schluss durfte Fankhauser eine Überraschung präsentieren: Soeben ist der 20-seitige Faksimilie-Druck der Aufzeichnungen von Urs Joseph Walter im Walter-Verlag Meilen erschienen (in verkleinerter Wiedergabe; erhältlich im Museums-Shop). Das Originaldokument lag sonntags auf, es wird wieder im Archiv verschwinden. In der Ausstellung ist eine Kopie zu sehen. (Textauszüge von Fabian Muster, Mittelland Zeitung)

 

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