Die Explosionskatastrophe von 1915
Nebst den vielen Vorteilen, die das neue Material Zelluloid mit sich brachte, barg es auch eine grosse Gefahr in sich: Es war leicht entflammbar. Diese Eigenschaft wurde der Mümliswiler Kammfabrik zum Verhängnis. Am 30. September 1915 kam es zu einer Katastrophe, die die Dorfgeschichte wie kein anderes Ereignis prägte. Gegen halb vier Uhr nachmittags explodierte das Hauptgebäude auf dem Fabrikareal. Ein Funke war durch die Absaugvorrichtung in den Keller gelangt, wo der Zelluloidstaub gesammelt wurde. Dort entzündete sich das leicht brennbare Material, was zu einer Explosion mit nachfolgendem Brand führte. Es spielten sich dramatische Szenen ab. Die ins Freie führenden Türen liessen sich nur nach innen öffnen und verklemmten sich, die Fluchtwege waren abgeschnitten. Zur Zeit der Explosion befanden sich im Hauptgebäude der Kammfabrik etwa 200 Arbeiter und Arbeiterinnen, verteilt auf mehrere Stockwerke. Für 32 von ihnen kam jegliche Hilfe zu spät. Sie verbrannten oder wurden unter den Trümmern begraben. Das jüngste Opfer war ein Junge von fünfzehn Jahren. Familien mit bis zu elf Kindern hatten ihre Mütter oder Väter verloren. Der Winter stand vor der Tür, an der Grenze wütete der Krieg und es fehlte an Arbeit. Das Herz der Fabrik war zerstört, die Produktion musste eingestellt werden. Zu der Trauer um die Angehörigen kam die grosse wirtschaftliche Not, die viele Mümliswiler Familien heimsuchte. Durch Abfindungssummen versuchte der Fabrikdirektor Otto Walter-Obrecht die fehlenden Sozialversicherungen zu ersetzen. In einem Appell an das Personal rief er die Arbeiterinnen und Arbeiter auf, der Firma auch in dieser schwierigen Zeit die Treue zu halten. Der Wiederaufbau des zerstörten Hauptgebäudes und die Erweiterung der Fabrikanlage wurde unverzüglich an die Hand genommen. Aus der Asche entstand eine neue Produktionsstätte; auf einem Grundstück neben der bestehenden Fabrik wurden weitere Fabrikgebäude errichtet. 1916 konnte der Betrieb wieder aufgenommen werden und bereits drei Jahre später verzeichnete die Kammfabrik mit 400 Arbeitnehmern den höchsten Mitarbeiterstand.
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