Der erste Kunststoff

Kammarbeiter um 1910

Nachdem in den 80-er Jahren des 19. Jahrhunderts die gesamte europäische Industrie zur Verarbeitung eines neuen Materials überging, musste sich unter dem Druck der Konkurrenz auch die Mümliswiler Kammfabrik mit neuen Fabrikationsweisen auseinandersetzen. Die Rede ist vom ersten Kunststoff, dem Zelluloid, bestehend aus einer festen Lösung von Nitrozellulose und Kampfer. Als weitere Kunststoffe wurden Cellon (Zellulose-Acetat) und Galalith, dessen Hauptsubstanz Kasein bildete, zu Kämmen und Haarschmuck verarbeitet. Das neue Material war billig und liess ein grosses Farbenspektrum zu. Nebst der Kunststoffverarbeitung, die in Mümliswil ab 1896 einsetzte, bezog die Kammfabrik weiterhin natürliche Rohmaterialien von deutschen und französischen Grosshändlern. Allerdings musste Schildpatt, dessen Preis bis zu fünf Franken pro Gramm betrug, aus Kostengründen aufgegeben werden. Zudem verringerten sich die Bestände der in den tropischen und subtropischen Meeren vorkommenden Karett-Schildkröte, deren Rückenpanzer als Rohmaterial besonders beliebt war. Mit der Kunststoffverarbeitung liessen sich jedoch verblüffend ähnliche Effekte wie die der Schildpattmusterungen erzielen.

 

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